Gebete fürs Gedächtnis

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Gebete   
fürs   
Gedächtnis

‚Gebete fürs Gedächtnis’: Der Titel dieses Heftes versteht sich als Einladung; die hier gesammelten Gebete möchten gelernt – ja auswendig gelernt werden.
Ein ungewöhnliches Anliegen.

Das Wort ‚Auswendiglernen’ scheint aus einer anderen Zeit zu kommen. Wir denken an stupides Wiederholen, an Versagensängste beim Aufsagenmüssen, an Kinder in Kniestrümpfen oder Faltenrock, die brave Worte wiedergeben, auch wenn es ganz offensichtlich nicht ihre eigenen sind.

 Und doch! Wie oft hören wir jemanden sagen: ‚Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll’, ich kann das nicht beschreiben’ und ‚mir fehlen die Worte’. Wir tun uns schwer mit unserer Sprache und gebrauchen sie beinahe wie eine Fremdsprache, mit einem immer dürftigeren Wortschatz und wenig Phantasie und Freude beim Formulieren.

Aber woher sollen die Worte kommen, mit denen ich angemessen beschreiben kann, was mein Leben ausmacht und was mir wichtig ist? Wie kann mir der tiefere Sinn und die wahre Bedeutung von Worten aufgehen, die doch für sich genommen als Vokabeln nur leere Worthülsen bleiben?

Unsere Sprache wird umso lebendiger sein, je mehr uns die Worte, die wir gebrauchen, eingegangen sind in unser Erleben, Fühlen und Wahrnehmen. Der rechte Umgang mit der Sprache geht nicht nur unseren Kopf und unser Denken an; die Worte wollen mit dem ganzen Leib und mit allen Sinnen ‚begriffen’ und ‚verkostet’ werden, wie der heilige Ignatius von Loyola sagt. Das braucht Muße und Zeit und ein wenig Üben im Anschauen und Betrachten. Und dazu gehört das laute Lesen, das Wiederholen und eben auch das - vielleicht sogar spielerische - Auswendiglernen von Texten und Gedichten. Nur so offenbaren sich die verborgenen Schätze; nur so können die Worte ihre Kraft entfalten.

Ganz abgesehen vom Gewinn an Einsicht und Erkenntnis des Einzelnen verändert sich so auch unser Miteinander; wir verstehen einander besser, wenn wir ‚die gleiche Sprache’ sprechen. Auf dem gleichen Verstehenshintergrund vermögen wir einander ‚zwischen den Zeilen’ auch mit wenigen, wohlgesetzten Worten Wichtiges zu sagen.

Das hier Angesprochene ist noch einmal von ganz besonderer Bedeutung für unsere Glaubensworte; für den Umgang mit den Worten der Heiligen Schrift und mit unseren Gebetsworten. Schließlich tragen sie eine Macht in sich, die unser Leben aus den Angeln heben und die Welt verändern kann.

Der Verfasser des ersten Psalms hat um diese Kraft der Weisungen Gottes gewusst, als er schrieb: ‚Glücklich der Mensch, der Freude hat an der Weisung des Herrn – in seiner Tora murmelt er Tag und Nacht.’ Darauf kommt es wohl an, die heiligen Worte immer wieder murmelnd zu wiederholen bis sie tiefer eindringen in uns und unser Leben von innen her prägen können. Unsere Väter und Mütter im Glauben sprechen von der ‚Ruminatio’, vom Wiederkäuen der Worte. Zunächst kommt also das Verinnerlichen und Lernen, dann erst - nach und nach - das Verstehen. Unser Wort ‚Auswendiglernen’ wird im Englischen mit den Worten ‚learning by heart’ wiedergegeben – wie viel treffender ist das! Von hierher wird deutlich, warum den Wiederholungsgebeten (Herzensgebet, Rosenkranz, Christusgebet, u.a.) in unserer geistlichen Tradition eine so hohe Bedeutung zukommt. Wir beten eben einfach anders, wenn die Worte von innen kommen und wir nicht erst in ein Buch schauen müssen.

Und so könnten die hier gesammelten Gebete konkret verinnerlicht und gelernt werden:

1. Die Gebete wiederholt laut oder murmelnd lesen, bis die Worte und Wendungen vertrauter werden.

2. Mit Hilfe einer eingeschnittenen Karte im Anhang die Worte einzeln, eines nach dem anderen anschauen und bedenken, ohne schon zu fragen, wie der Text weitergeht. Oft genug werden uns dabei Worte auffallen und länger beschäftigen. Ich kann dann fragen, wo mir dieses Wort schon begegnet ist und in welchen Zusammenhängen ich es selbst verwenden würde.

3. Mit Hilfe einer beiliegenden Audio-CD einzelne Gebete immer wieder anhören und mitsprechen und ggf. mitsingen. Die wiederholten Worte werden so vertrauter und sprechender, bis sie ganz von selbst zum Gebet werden.

Diese ‚Gebete fürs Gedächtnis’ sind zunächst für junge Menschen zusammengestellt worden, die sich auf einen pastoralen Beruf vorbereiten. In unseren vielfältigen Gottesdiensten und im persönlichen Gebetsleben nehmen sie einen wichtigen Platz ein. Vielleicht sind diese Gebete auch suchenden Menschen dienlich, die neu nach dem Sinn und Gehalt unseres Glaubens fragen. Auch für Menschen, die aus einem fremdsprachigen Land kommend bei uns eine neue Heimat suchen mag es hilfreich sein, die vielleicht schon vertrauen Gebetsworte in deutscher Sprache zu erlernen. Mögen es gefüllte und gelebte Gebete sein - das möchte ich allen wünschen, die sich auf diesen Weg locken lassen.